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Ich hab diese Aufgabe selbst bearbeitet und folgendes gemerkt: Das Jahr 1960 passt nicht zu einigen Vorgaben. Damals war in Königs Wusterhausen die DDR-Regierung zuständig und Obdachlose gab es da per Gesetz schon nicht, selbst die Bahnhofsmission war ab 1956 verboten. Diesen Fakt hab ich eingebaut…

Mein Werk könnt ihr lesen – ob ich es je weiterschreibe? Mal sehen. Eigentlich fand ich es ganz interessant, mal so ein paar Dinge zu der Zeit zu recherchieren. Das war ja sogar noch vor meiner Zeit 🙂

Der erste Auftritt und dann gleich einen Toten

(C) Carola Käpernick 01/2021

Königs Wusterhausen ein Kaff mit etwa 800 Einwohnern. Julian weiß gar nicht, wie es ihn hierher verschlagen hat, aber er hat einen Auftritt. Im Vergleich zu Brandenburg, wo Julian herkommt, wirkt Königs Wusterhausen etwas bipolar. Einerseits die Rückstände der königlichen Zeit, das Schloss und dann die, trotz des Alters immer noch futuristisch anmutenden Funktürme. Als Sänger und Musikfreak, konnte Julian sich nicht satt sehen, an den Gestellen, die seine Lieder ins Radio bringen würden. Jedenfalls, wenn er mal bekannt genug dafür wäre.

Im Schloss residierten die Befreier der Sowjetarmee, die sich als Helden sahen und auch so benahmen. An den Litfaßsäulen prangten Plakate, die auf den bevorstehenden Ausbau des Berliner Schienennetzes hinwiesen. „Schade!“ dachte Julian. Er hätte sich gewünscht, heute komfortabel mit der Bahn anreisen zu können. doch leider musste er Trampen, viel laufen und zeitweise auf Pferdehängern mitreisen. Oft genug bangte er um seine wertvolle Gitarre, die er entweder vor Regen, den gierigen Mäulern der Gäule oder zuschlagenden Autotüren retten musste. Nun waren sie hier, seine Gitarre und er. Auf der nahe gelegenen Dahme trieb ein Ausflugsschiff. Vermutlich das, auf dem er bei der nächsten Ausfahrt, die musikalische Untermalung übernehmen sollte. Für 8 Mark die Stunde, was als üppig galt. Den Tarif hatte die neue Künstleragentur in Berlin festgelegt, ohne die nichts mehr lief. Weder im In- noch im Ausland. Nicht einmal für bekanntere Sänger, als Julian es war. Wenigstens war das Wetter für Ende September außerordentlich sonnig und mild.

Julian war ein Künstlername. In Wirklichkeit hieß er Adalbert. Adalbert Grieb – damit konnte er keinen Staat machen in der Musikbranche. Auf Julian war er gekommen, weil er seine erste Liebe im Juli 1958 kennengelernt hatte und sie Auguste Niehmann hieß. Er hatte sie kennengelernt, als seine Eltern ihn wieder mal auf einen Campingplatz geschleppt hatten, um den Sommer ziemlich nackt im Sand zu verbringen und vier Wochen lang vor allem Mücken zu töten. Sein Vater arbeitete in Zwickau bei den AWZ und hatte den Trabant P5 mitentwickelt. Er war einer der Genossen, der ein Modell aus der Nullserie bekommen hatte. Das hatte dazu geführt, dass die Familie in Urlaub fuhr. Adalbert, Adi nannte ihn seine Mutter, hätte keinen Urlaub gebraucht. Aber dann war ihm Auguste begegnet und mit ihr kam die Freude in seinen Urlaub und die Trauer in sein Leben.

***

Nora kam sich vor wie in einer anderen Welt. Sie war Reiseleiterin und hatte eine Reisegruppe aus Westberlin nach Königs Wusterhausen begleitet. Im Stillen gab sie ihrer Mutter Recht. Die hatte gesagt, sie führe ins Land der Barbaren und toten Dörfer. Im Vergleich zu Starnberg, wo sie herstammte, schnitt Westberlin schon schlecht ab. Von diesem bedauernswerten Dorf, wollte sie da gar nicht erst reden. Dabei las sich die Geschichte des Dorfes gar nicht so uninteressant. Sie hatte sich extra einige Tage vor der Busreise hierher mit dem Bürgermeister getroffen, der ihr etwas über den Ort erzählte. Weitaus interessantere Informationen hatte sie allerdings beim Pfarrer erhalten und eifrig stenografiert, was ihr erzählt wurde.

Die Ausflügler waren in die Stille der Natur entlassen und konnten sich den Ort allein anschauen. Viel zu sehen gab es ohnehin nicht. Die Gruppe sollte in zwei Stunden mit einem Ausflugsschiff ein Stück die Dahme entlang fahren, den Spreewald sehen und dann zurück zum Bus gebracht werden, um die Zone wieder zu verlassen.

Zum Glück hatte Nora sich ein Buch mitgenommen. Sie setzte sich in den Park des Schlosses und las, bis sie die Reisegruppe in der Nähe des Bahnhofs wieder einsammeln würde. Sie hatten sich die ehemalige Bahnhofsmission als Treffpunkt ausgesucht und Nora fand, dass es schon Bände sprach, wenn ein Land, das sich demokratische Republik nannte, eine Institution wie die Bahnhofsmission verboten hatte und sogar die Mitarbeiterinnen verhaften ließ, wie es vor etwa vier Jahren geschehen sein soll.

Der Schlosspark war zwar nicht beeindruckend, aber immerhin weniger bedrückend wie die tristen Häuser und unschönen Masten, die irgendwelche Funkverbindungen sichern sollten. Nein, mit dem mondänen Starnberg hatte das hier alles nichts gemein. Im Gegenteil, es schien Lichtjahre entfernt zu sein.

***

Julian hatte sich an den traurigen Bahnhof begeben und setzte sich dort auf eine Treppenstufe. In Gedanken ging er sein Programm durch. Bärbel Wachholz hatte ein paar gute Lieder in den letzten zwei Jahren, Lutz Jahoda, alles für die Fraun, durfte auch nicht fehlen, schließlich war er selbst ein Mann und seit Auguste verloren war, bevor sie sich gehabt hatten, ertrunken in der Ostsee bei einem Sturm im August 1958, konnte er so tun, als wenn er ein Frauenheld war, denn treu sein musste er keiner mehr.

Steuermann, halte Kurs von Fred Frohberg würde auch gut auf ein Schiff passen. Mondschein und Liebe von Günter Geißler würde er auf der Rückfahrt singen, da würde es sicher in die Abenddämmerung gehen.

Hoffentlich klappte es, dass er auf dem Schiff schlafen durfte, denn um eine Unterkunft hatte er sich nicht  gekümmert und jetzt war es zu spät dafür, wie ihm ein Blick auf die Bahnhofsuhr verriet.

Vor einer verschlossenen Tür sammelten sich ein paar Menschen. Die waren nicht von hier, das erkannte Adalbert sofort. Viel zu schick gekleidet. Eine ausgesprochen hübsche junge Frau verkündete der Gruppe: „Wenn Sie mir bitte folgen wollen, ich führe Sie jetzt zur Anlegestelle.“ Na das passte ja. Da ging Julian einfach mit.

Er schon sich an den schnatternden Frauen und verliebten Paaren vorbei und versuchte an die Spitze zu kommen, um mit der jungen Frau ein Gespräch anfangen zu können. Es gelang ihm erst kurz vor der Dahme, doch erfuhr noch, dass die Reisegruppe aus der BRD und sie selbst aus Starnberg war.

Hoffentlich würde ihm niemand einen Strick draus drehen, wenn er als Sänger sich mit einer Gruppe aus dem Westen einließ. Es ging ziemlich schnell, dass man dann weg vom Fenster war. Andererseits, welches Fenster? Denn zu Ruhm hatte er als Sänger Julian es ja noch nicht gebracht.

***

Das Schiff glitt über die leichten Wellen und wirbelte das Wasser hinter sich auf. Dort wo es sich teilte, schwappte es in einem breiter werdenden Winkel an Land. Das Schilf bewegte sich und die Enten hüpften wie Neckbälle auf und ab.

Die Gastronomie an Bord war beeindruckend. Statt Kartoffelsalat und Bockwurst waren verschiedene Braten aufgeschnitten, Salate hübsch angerichtet und zum Dessert gab es verschiedene Puddingsorten mit Schlagsahne. Getrunken wurde Sekt mit Ananas. Ananas? Adalbert kam sich komisch vor. Aber niemand schien sich daran zu stören, dass er sich  hier ebenso bediente, wie die Reisegruppe aus dem Westen. Der Sekt schmeckte sehr gut und ölte die Singstimme dachte er sich, als er noch ein Glas Rotkäppchen aus den VVB VENAG in einem Zug austrank. Die Kohlensäure ließ ihn rülpsen, hoffentlich würde ihm das nicht beim Singen passieren, womöglich noch direkt ins Mikrofon.

Als sein Auftritt endlich dran war, hatte er sich schon mit Nora verabredet. Dabei war es ihm utopisch vorgekommen, dass sie sich für ihn interessieren würde. Kurz überschlagen, reichte die Zeit für sein komplettes Programm gar nicht mehr aus. Er begann mit Frohbergs Steuermann, ließ den Jahoda aus, was sollte schließlich Nora von ihm denken und endete mit Geißlers Mondschein und Liebe, was die Frauen dahin schmelzen ließ. Der Beifall ging ihm runter wie Öl. Für Zugaben war keine Zeit mehr, denn der Busfahrer rief schon: „Niemand rennt mehr weg! Ich hole den Bus und dann geht es wieder Richtung Hotel.“

Julian sah fragend zu Nora, doch die zwinkerte ihm nur zu. War das etwa alles nur Scherz? So ganz wollte er sie nicht davon kommen lassen. „Nehmt ihr mich mit nach Berlin?“

„Ost oder West?“

„Ost natürlich!“

„Können wir machen.“

„Super, danke.“

Der Bus fuhr vor und alle stiegen ein. Als die ersten Reisenden in den hinteren Teil des Busses vordrangen, ertönte ein Kreischen. Julian fiel vor Schreck fast seine Gitarre aus der Hand.

„Eine Leiche! Eine Leiche! Nora, so kommen Sie schnell!“

„Ich?“ Nora war blass geworden. Sie hatte noch nie eine Leiche gesehen. Und dann ausgerechnet hier im Osten. „Verdammte Scheiße!“ Nora zischte diverse weitere Flüche vor sich hin, als sie nach hinten ging.

„Wir müssen die Polizei rufen!“ Julian hatte da leider Erfahrung. Damals als Auguste ertrunken war, musste auch die Polizei kommen. Die muss immer kommen, wenn ein Arzt nicht mehr lohnt, sagte sein Vater immer.

„Die Polizei? Spinnst du?“

„Ähm nein. Was wollt ihr machen? Mit einer Leiche über die Grenze?“

„Können wir ihn nicht rauslegen und losfahren?“

„Ohne mich!“ Julian war empört und enttäuscht, wie kaltherzig Nora war.

„Perfekt. Dann bleib Du mit der Leiche hier und wir fahren los.“

„Aber ihr seid doch Zeugen. Allesamt.“

Hinter ihm ertönte ein vielstimmiges Gemurmel, das wohl ausdrücken sollte, dass keiner etwas gesehen hatte. Was eine verfahrene Kiste. Wenn er jetzt ausstieg, würde die Reisegruppe ihren blinden Passagier, der zusätzlich noch tot war, draußen ablegen und losfahren. Wie sollte er der Polizei das erklären. Aber noch komplizierter wären die Erklärungen, wenn sie mit der Leiche herumreisten oder sie ablegten, er mitfuhr und das heraus kam.

Berthold, der Busfahrer ging nach hinten. Julian nutzte die Chance und setzte sich auf den Fahrersitz. Der Schlüssel steckte, er zog ihn ab und steckte ihn ein. Damit konnte der Bus schon mal nicht einfach so abfahren.

„Und was nun?“ Nora sprach aus, was alle dachten.

© Carola Käpernick

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