60 Minuten Ergüsse, Allgemein

Hans Peter Flückiger 60 Minuten Erguss Januar

Der dritte König

«Morgen ist es wieder soweit, dass unserem Auftritt vor gut 2000 Jahren als Heilige drei Könige an der Krippe des Jesuskindes gedacht wird.

Tatsächlich, wie waren dort. Das kann ich Ihnen bestätigen. Auch im Namen meiner beiden Kollegen. Und auch in ihrem Auftrag kann ich Ihnen sagen, dass Sie aus unserer kurzen Stippvisite in Bethlehem im Laufe der zwei Jahrtausende ein tolles Durcheinander angerichtet haben.

Das fängt schon mit den Namen an. Caspar, Melchior und Balthasar. Wie kann man auf die Idee kommen, dass wir so geheissen, und dazu noch Könige gewesen sein sollen?

Nein, beim besten Willen nicht. Wir repräsentieren ja die drei Teile – Europa, Asien und Afrika – der damaligen Welt. Was mich betrifft, mein Name ist Onuegbu. Richtig, das klingt afrikanisch, und genau, ich bin der schwarzhäutige Vertreter Afrikas innerhalb des weihnachtlichen Pilgertrios. Der Mohr aus dem Mohrenland.

Ob ich Skrupel habe, diesen anrüchigen Begriff zu verwenden? Ha, wieso sollte ich? Im Gegenteil, ich erachte, als Mohr zu gelten, als einen Ehrentitel. Dass der Begriff – beschönigend gesagt – heute in Misskredit geraten ist – was soll’s. Die Geschichte lehrt uns eines Besseren und überdauert solche Intermezzi. Wenn ich daran denke, dass Bestrebungen im Gange sind, Süssigkeiten, Bushaltestellen, Strassen und Restaurants umzubenennen, in denen dieses Idiom vorkommt, um Sprache und Kultur reinzuhalten, graut es mir. Das erinnert mich an triste Episoden der jüngsten Menschheitsgeschichte. Da bin ich echt gespannt, was Historiker in 50, 100 oder x Jahren zu dieser Posse sagen werden. Vorausgesetzt, dass natürlich die fachliche Kompetenz, und nicht die Ideologie im Vordergrund steht.

Ich folgte anno dazumal aus dem Mohrenland, dem Nordosten Afrikas, der Ecke, wo heute Äthiopien, Eritrea und der Sudan liegen, dem Stern von Bethlehem. Unterwegs begegnete ich dann meinen beiden Kollegen. Wir wussten, dass es mit diesem Stern eine besondere Bewandtnis haben musste, weil wir nicht Könige, sondern, wie man heute sagt, Akademiker waren. Der Begriff Mohr charakterisiert diese Eigenschaft. Beispielsweise in der Medizin. Und diesbezüglich war die afrikanische Heilkunde der europäischen lange weit überlegen.

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